Sehnsucht nach Frieden - zwischen Mann und Frau und in der Welt
Die Sehnsucht nach Frieden in mir wächst. Ich bin geboren im Jahrgang 1986. Meine Eltern haben keinen Krieg erlebt, ich habe keinen Krieg erlebt. Für meine Generation wurde damals die Wehrpflicht abgeschafft. Eine meiner ersten Erinnerungen handelt vom Verwandtschaftsbesuch aus dem Osten nach dem Mauerfall. Ich bin aufgewachsen mit der Idee: Friede ist endlich möglich.
Ich bin dankbar, dass ich dieses Erleben und dieses Erinnern als Ressource in mir trage. Denn heute sieht die Welt im Außen ganz anders aus.
Friede ist ein Ja entfernt
In der traumbewussten Arbeit erlebe ich immer wieder: Wahrer Frieden beginnt in uns selbst. Die Momente, wenn wir uns uns selbst zuwenden und Ja zu dem sagen, was in uns ist, zu jedem kleinsten Teil in uns. Die Momente, in denen wir Ja sagen zu all den verletzten inneren Kindern. Und aus diesem Ja dann eine Stille erwächst, die Liebe ist und die Frieden ist. Friede ist also IMMER nur ein inneres Ja von uns entfernt.
Einverstanden sein mit dem Unaussprechlichen
Wie sieht es nun aber da draußen aus? Ein Blick auf die Weltenbühne berührt in mir Gefühle von Ausgeliefertsein und Machtlosigkeit. Übertrage ich das Gelernte und werde still mit diesen Gefühlen, sage Ja zu der wahrgenommenen Gewalttätigkeit und Größe, entsteht auch hier ein kleiner Frieden. Es entsteht ein Einverstanden-Sein damit, dass es gerade so ist und ich keinen sofortigen direkten Einfluss habe. Es ermöglicht mir, einen Schritt zurückzutreten und von außen auf die Muster und Dynamiken zu schauen, die sich dort entfalten. Dieses Ja gibt mir die Freiheit zu wählen, wie ich mit diesem Drama umgehe. Und: Das Theater, das sich vor meinen Augen abspielt, ist mir wohl bekannt. Dieses Theater, das schreckliche, direkte, echte Konsequenzen für die Menschen auf dieser Welt hat.
Das Theater
Ich kenne dieses Theater so gut: Im Kleinen spielen sich diese Dynamiken in all unseren Beziehungen ab. Auf Dating-Apps, in Partnerschaften, in Freundschaften, in Communities, in Jobs. Es ist das Theater von Macht und Ohnmacht, von Manipulation und Gewalt, von Täter und Opfer. Es sind Jahrtausende des Patriarchats, die es überlebensnotwendig für uns gemacht haben, in diesen Kategorien zu denken und zu handeln – und sei es nur unterbewusst. Es sind Jahrtausende des Patriarchats, die Männer und Frauen dazu gebracht haben, sich gleichzeitig gegenseitig zu verachten und bedürftig nacheinander zu verzehren. Um bloß keinen echten Kontakt zuzulassen, bloß keine echte Nähe zuzulassen, denn was würde passieren, wären wir verletzlich, ehrlich und mitfühlend?
Das neue Normal
Das, was im Kleinen passiert, oft versteckt unter dem Deckmantel von Normalität, geschieht auch im Großen. Stellt euch eine Welt vor, in der das neue Normal Verletzlichkeit, Ehrlichkeit und Mitgefühl wären?
Was wäre mit den Kriegsschauplätzen, wenn Soldaten Ja zu dem Schmerz sagen, den Bomben verursachen? Was wäre mit autoritären Regimen, in denen sich die Führer ihrer eigenen Machtlosigkeit bewusst wären? Wie würde die Mehrheit der Menschen handeln, wenn sie das Theater erkennt und aussteigt?
„Follow your longings – they will show you your way.“ Habe ich ganz am Anfang meiner Reise gelernt. Die Sehnsucht nach Frieden in mir wächst. Die Sehnsucht nach heilem, echtem Kontakt zwischen Männern und Frauen in mir wächst und der Glaube daran, dass, wenn wir damit starten, zu lernen, wie das geht, sich Verletzlichkeit, Ehrlichkeit und Mitgefühl unaufhaltsam ausbreiten. Dass wir ansteckend werden und dieses Sein zu Frieden führt. In uns, in unseren Beziehungen, in der Welt.