Do it yourself: Tod und Wiederauferstehung
Es gibt kaum etwas Bedrohlicheres als den Gedanken an unsere eigene Vergänglichkeit. Die Idee der Auslöschung unserer Existenz. Und dennoch kommen wir in der traumtherapeutischen Begleitung nicht darum herum, genau das zu erfahren. Denn, wenn wir herausfinden wollen, wer wir wirklich sind, müssen die Version von uns loslassen, für die wir uns gehalten haben.
Wir schützen unser Leben mit allem, was uns möglich ist. (Zumindest in den meisten Fällen.) Aus einer traumatheoretischen Perspektive ist dieser Überlebensdrang indirekt sogar verantwortlich für eines der weitverbreitetsten Traumata in unserer Gesellschaft: dem Entwicklungstrauma.
Ein kurzer Theorieexkurs:
Als Baby und (Klein-) Kind sind wir vollkommen abhängig von unseren Betreuern (meist Eltern). Um sicherzustellen, dass wir überleben, spalten wir schwierige Gefühle ab, die durch wiederholte fehlende Fürsorge* entstehen. Um uns (und unsere Betreuungsperson) vor diesen Gefühlen zu schützen, entwickeln wir Persönlichkeitsanteile wie:
People Pleasing, Kontrollzwang, Perfektionismus, Leistungsorientierung und Ähnliches.
Diese Anteile nennt man auch Überlebensanteile. Dadurch fühlen wir die schwierigen Gefühle nicht mehr, vergessen aber auch, wer wir eigentlich sind. Das Tückische ist nämlich: Im Verlauf unseres Lebens glauben wir, wir seien diese Persönlichkeitsanteile.
Was hat das jetzt aber alles mit dem Tod zu tun?
Die spirituell somatische Traumatherapie führt uns immer wieder an einen Punkt, an dem wir die Identifikation mit einem dieser Anteile loslassen und feststellen: “Oh! Das bin ja gar nicht ich!” Zum Beispiel: “Ich dachte immer, ich sei das brave Mädchen. Das stimmt aber gar nicht. Ich habe mich nur verstellt, weil ich Angst hatte, nicht geliebt und gewollt zu werden, wenn ich bin, wer ich wirklich bin. Letztendlich dachte ich, wenn ich nicht geliebt und gewollt werde, sterbe ich. Da war es doch sicherer, das brave Mädchen zu sein.”
Bevor dieser Prozess auf einer ganzheitlichen Ebene (nicht nur im Kopf) passiert, fühlen wir uns einen kurzen Moment tatsächlich, als würden wir sterben. Und das meine ich in dieser Dramatik der Wortwahl ganz pragmatisch, genauso wie es da steht. Dieses Gefühl des Sterbens, wenn wir kurz davor sind, die Identifikation mit einem Überlebensanteil loszulassen, resultiert zum einen daraus, dass diese Anteile fest daran glauben, dass sie uns vor dem Tod bewahren. Im Umkehrschluss gilt dann: wenn wir nun die Identifikation mit diesen Anteilen verlassen, müsste ja logischerweise der Tod direkt vor der Tür stehen.
Zum anderen stirbt ja tatsächlich etwas: der Irrtum, etwas zu sein, was wir gar nicht sind. Somit stirbt tatsächlich ein Teil von unserer erlebten Existenz.
Und wo bleibt die Auferstehung?
Teil dieses Prozesses ist aber auch etwas unbeschreiblich Schönes: Wir betreten einen Raum neuer Möglichkeiten. Den Raum, ein Stück weit mehr so zu leben, wie wir eigentlich sind - fern von unseren Mustern und vergrabenen Verletzungen. Dieser Raum ist wie ein neues Leben. Es ist wie eine kleine Wiedergeburt, bei der wir ein Stück weit mehr entdecken, wer wir wirklich sind. Und Überraschung: Dieses neue Leben haben wir uns selbst geschenkt, indem wir für unsere Verletzungen und Überlebensanteile Verantwortung übernommen haben. So können wir unser eigener “Heiland” werden und Heilung nicht mehr nur im Außen, sondern ganz praktisch bei uns Selbst finden.
*In einschlägiger Fachliteratur wird diese Fürsorge sehr eng definiert. Fehlende Fürsorge ist dann körperliche Vernachlässigung (Hygiene, Nahrung), körperliche Gewalt, oder eine schwere Form von emotionaler Vernachlässigung. All das ist furchtbar. Punkt. Gleichzeitig schlage ich vor, insbesondere den Begriff der emotionalen Vernachlässigung breiter zu definieren, um sicherzustellen, dass alle abgespaltenen Gefühle nach Hause geholt werden können. Fassen wir diesen Begriff zu eng, besteht die Gefahr, dass wir uns selbst übergehen, weil wir glauben, unsere Kindheit “war normal, oder angemessen”. Trauma entsteht nicht durch das Vermeiden von “unnormalem” Verhaltens als Betreuungsperson, sondern auf Grund von fehlender Präsenz und Liebe, wobei die Menge von benötigter Präsenz und Liebe selbst (meiner Einschätzung nach) in unserer Gesellschaft als “unnormal” betrachtet wird.